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"Venus talking"

1. Woche
2. Woche
Drehbuch


    Venus talking
   

© 2000 by Moana-Film GmbH


  1.
Auf einem Feldweg am Rande eines kleinen Dorfes gehen VENUS SIEBENBERG (42) und BRIGITTE (38) spazieren. Im Hintergrund ein Kiefernwald. Ein Kuckuck ruft. Vielleicht scheint die Sonne. Aus der Ferne Musik. Darüber Titel. BRIGITTE: Franz betrügt mich schon seit einem Jahr mit einer Zweiundzwanzigjährigen. Ich hab's durch Zufall rausgekriegt. Er hat von einem Tag auf den andern kein Bier mehr getrunken. Dann hat er begonnen zu joggen. Und jeden Morgen ist er zuerst einmal auf die Waage gestiegen. Er ist ganz dünn geworden. Das hätte mich stutzig machen sollen. Er ist ja so offen und ehrlich. Deshalb hab ich ihn geheiratet. Ich dachte immer, der kann gar nicht lügen… VENUS unterbricht BRIGITTES Redeschwall: Wie hast du's rausgekriegt?

2.
MAX SCHNECKENHAUS (45) kommt mit einer Schubkarre voll Holz und legt mit bedächtigen Bewegungen neues Holz auf ein Lagerfeuer. IM VENUS: Ich habe Max geheiratet, als ich vierundzwanzig war. Ich hatte als Studentin gerade meinen ersten Roman geschrieben. Alle haben mich bewundert. Ich hätte jeden Mann haben können. Da kam er bei einer Lesung, ein junger Deutschlehrer am Gymnasium, und hat mich fix und fertig gemacht. Ob ich ihn wohl geheiratet habe, um meinen schärfsten Kritiker mundtot zu machen?

3.
HANS NEUMANN (55), der Verleger von VENUS und BERNHARD ZICKZACK (32), ein Filmproduzent spielen im Garten Tischtennis. BERNHARD ZICKZACK gelingt ein für HANS NEUMANN unhaltbarer Schmetterball. BERNHARD ZICKZACK: Bist du sicher, daß Venus das hinkriegt? HANS NEUMANN: Sicher kann man nie sein. Ich habe mal eine Startauflage von fünfzigtausend geplant. BERNHARD ZICKZACK: Ich schlafe schlecht, seitdem ich den Vertrag mit dir gemacht habe. Du bist der ausgekochteste Hund in der ganzen Branche.

4.
BRIGITTE bleibt stehen. BRIGITTE: Ich komme ins Haus, froh wieder daheim zu sein. Höre aus dem Schlafzimmer Gelächter. Gehe hin. Mache die Tür auf. Und was sehe ich? Mein unschuldiger Franz mit dieser 22jährigen Blondine in meinem Ehebett. Was hättest du an meiner Stelle gemacht? VENUS: Ich hätte die Tür wieder zu gemacht. BRIGITTE: Ich hab geschimpft und geflucht, ich glaube, wenn ich eine Pistole dabei gehabt hätte, hätte ich beide über den Haufen geschossen. Dann habe ich die Tür zur Terrasse aufgemacht und sie beide, nackt wie sie waren, in den Garten gejagt. Später hat mir Franz erzählt, daß er und das Mädchen sich aus den Bettlaken, die im Garten auf der Wäscheleine hingen, eine Art Tunika gemacht hätten und damit ist er dann in die Wohnung dieser Frau gegangen. Das hat mir wieder imponiert. Er läßt sich nicht kleinkriegen.

5.
Auf dem Dorfteich, um den die Häuser herumgebaut sind, sitzen die Mädchen auf einem großen Schlauch und bewerfen die Jungen, die sich an einer Luftmatratze festhalten, mit Algen, die überall im Wasser herumschwimmen. HERBERT (25), der Computerfachmann im Verlag von HANS NEUMANN sitzt in der Badehose am Teichrand und plätschert mit seinen Füßen im Wasser.

6.
Neben der Feuerstelle ist eine große Stereoanlage aufgebaut. FRANZ (40) legt eine neue CD auf. Er dreht die Musik lauter und beginnt dann ziemlich wild mit ISOLDE (35), der Frau von HANS NEUMANN, zu tanzen.

7.
SALLY, die vierzehnjährige Tochter von VENUS und MAX, hat sich in einem Turm in der Mitte des Hofes eine Welt wie aus 1001 Nacht eingerichtet. Sie liegt auf einer Matratze unter einem Moskitonetz und schreibt mit großem Ernst, unbeeindruckt von der lauten Musik, in ihr Tagebuch: Gestern hat Manuel nach der Schule zu mir gesagt, er findet mich echt cool. Er ist der tollste Junge in meiner Klasse. Ich habe mich in in verliebt. Vielleicht werde ich ihn heiraten. Papa gefällt er gar nicht. Ich werde ihn dazu bringen, Manuel auch gut zu finden (nicht leicht!!!). SALLY wählt auf ihrem Handy die Nummer von MANUEL: Hallo Manuel, hast du Lust vorbeizukommen? Wir machen hier so eine Art Party. Meine Mutter fährt morgen nach Berlin und ist dann sechs Wochen weg.

8.
THORSTEN (16), SALLYS Bruder, fährt mit ISABELLE (16) in einem grauen Trabbi durch den Kiefernwald. THORSTEN (sehr stolz): Gefällt es dir hier? ISABELLE zeigt sich beeindruckt vom Wald und von THORSTENS Fahrkünsten. ISABELLE: Du fährst sehr gut. Aber was machst du, wenn die Polizei kommt? THORSTEN: Hier kommt keine Polizei. IM VENUS: Das Leben ist einfach immer weitergegangen. Dann seit ihr beiden auf die Welt gekommen. Ich war glücklich darüber. Aber jeden Tag passierte das Gleiche. Nur ab und zu ein Roman mit ganz kurzen Kapiteln. Weil ich keine Zeit hatte, längere Kapitel zu schreiben. Wenn das die Kritiker wüßten. Ich habe ihnen nie die Wahrheit gesagt! Auch darüber will ich jetzt schreiben.

9.
VENUS und BRIGITTE kommen bei HANS NEUMANN und BERNHARD ZICKZACK vorbei. VENUS: Wer gewinnt? HANS NEUMANN: Bernie! Ich bin zu alt geworden. VENUS: Du mußt aufhören zu rauchen und Sport treiben, lieber Pluto. Gleich gibt's Mittagessen. Wer von euch hilft mir? BERNHARD ZICKZACK: Ich! Sie gehen ins Haus. IM VENUS: Wenn Zickzack mich fragen würde, ob ich mit ihm schlafen will, weiß ich nicht, wie ich reagieren würde. Er hat soviel Kraft!

10.
THORSTEN und ISABELLE sitzen im Gras am Waldrand. THORSTEN: Laß uns einfach mal spielen, daß wir ineinander verliebt wären. Okay? ISABELLE ist ein bißchen mißtrauisch, sagt aber dann: Okay!. THORSTEN: Ich lege zuerst meinen Arm um dich und dann gucken wir uns in die Augen. Dann sehe ich in deine Seele. Und du in meine. Sie starren sich lange in die Augen und versuchen, die Seele des anderen zu sehen. Nach einer Weile sagt THORSTEN: Ich möchte dich küssen. Darf ich? ISABELLE: Nein! Bitte sei mir nicht böse, aber ich möchte dich erst noch ein bißchen besser kennenlernen. Kannst du das verstehen? THORSTEN überspielt seine Enttäuschung: Klar, verstehe ich dich.

11.
VENUS, BRIGITTE, BERNHARD ZICKZACK und HANS NEUMANN kommen in den Hof. VENUS fängt sofort an zu tanzen. Sie lädt MAX mit ihren Bewegungen ein, mit ihr zu tanzen. MAX: Ich muß mich um das Feuer kümmern. VENUS ist enttäuscht und tanzt, noch etwas ekstatischer alleine weiter. IM VENUS: Ich will leben! Leben! Leben! Und tanzen. Solange ich noch kann. BERNHARD ZICKZACK geht zu ihr und tanzt mit ihr. Er geht auf die Tanzbewegungen von VENUS ein und das, was sich zwischen ihnen abspielt, ist wie ein Gespräch. Die anderen hören auf zu tanzen und schauen zu. Auch MAX, der noch immer mit seinem Feuer beschäftigt ist. HERBERT schaut sehnsüchtig VENUS beim Tanzen zu.

12.
Alle Gäste essen und trinken. Die Musik ist leise gestellt. HANS NEUMANN zeigt VENUS einen Entwurf des Buchcovers: "DAS ABENTEUER. Ein Tagebuch-Roman von Venus Siebenberg". HANS NEUMANN: Du siehst, ich denke voraus - und ich glaube an dich. Ich weiß, daß du es schaffen wirst. Sobald du fertig bist, schicke ich Dir den Fahnenabzug. Du korrigierst alles nochmal und nach der Buchmesse können die Leute dein Buch kaufen. Die Kritik kriegt nichts zu sehen vorher. Auch nicht Reich-Ranicki. Dazu ist keine Zeit. Auch MANUEL ist mit dem Fahrrad gekommen. Er steht ein bißchen verloren herum. VENUS nimmt sich seiner an. VENUS: Willst du mitessen? Sie bietet ihm einen Platz neben SALLY an und sagt den andern, daß sie rutschen sollen. SALLY scheint nicht das geringste Interesse an ihm zu haben. Sie begrüßt ihn supercool. Aus der Stereoanlage kommt eine langsame Musik. FRANZ möchte mit VENUS tanzen. VENUS steht auf und geht zu ihm. Sie tanzen sehr intim. VENUS läßt sich gehen und schmiegt sich an ihn. FRANZ dreht die Musik etwas lauter. BERNHARD ZICKZACK tanzt mit BRIGITTE. Alle werden plötzlich ganz sentimental. FRANZ gesteht VENUS: Ich würde mein Leben dafür geben, nur einmal mit dir zu schlafen. VENUS denkt zwei Sekunden nach: Okay, ich mach's. Aber danach mußt du aus dem Fenster springen.

13.
Vor dem Haus. Die Gäste steigen in Ihre Autos. HERBERT erklärt VENUS mit großem Eifer und leuchtenden Augen, daß sie an dem Computer im Glashaus, nie etwas machen müsse. Er sei immer in Betrieb und die Verbindung zum Internet sei eine Standleitung. Er könne, falls einmal ein Problem auftauchen sollte, den gesamten Computer aus der Ferne bedienen. Neben dem Computer steht ein kleines Gerät, daß wie ein Auge aussehe. Das sei eine Webcam. HANS NEUMANN unterbricht Herbert. Bist du endlich fertig? (zu VENUS) Wenn er anfängt von Computern zu reden, kann er nicht mehr aufhören. Was du aber wissen mußt, die Leute im Internet können dich beim Schreiben sehen. Aber nur beim Schreiben, keine Angst. HANS NEUMANN umarmt VENUS. VENUS: Pluto, du weißt, kein Anruf! Nur Fax oder Email. HANS NEUMANN: Versprochen. HERBERT verabschiedet sich von VENUS: Ich bin ein großerer Bewunderer von Ihnen, Venus. Ich werde jeden Tag reingucken. Auf Wiedersehen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. ISABELLE geht zum Auto ihres Vaters. THORSTEN ist immer an ihrer Seite. ISABELLE: Wir kommen wieder, wenn die Zwetschgen reif sind. Sie küßt ganz schnell THORSTEN auf den Mund. BERNHARD ZICKZACK verabschiedet sich von VENUS per Handkuß. BERNHARD ZICKZACK: Vergessen Sie nicht, Frau Siebenberg. Es muß spannend sein. Das Publikum im Kino ist verwöhnt. VENUS: Ich streng mich an. BERNHARD ZICKZACK: Ich habe den besten Regisseur, den es gibt, engagiert. Der sagt, daß er ein Telefonbuch verfilmen kann. Bloß da habe ich meine Zweifel. Der hat schon dreimal den Bundesfilmpreis gekriegt. Aber für mich gilt das nicht. Er braucht eine tolle Vorlage, und an der müssen zwanzig Leute arbeiten. Sonst wird das nichts und mein Geld ist weg. Sie sind eine tolle Frau. Ich bin überzeugt, daß alles gut wird. Ich drücke Ihnen alle Daumen. VENUS: Das ist immer gut. BERNHARD ZICKZACK steigt in seinen Audi. Die Gäste fahren ab. Die Zurückgebliebenen winken. THORSTEN ist selig, fast in Trance.

14.
THORSTEN legt eine neue CD ein und dreht die Musik laut auf und tanzt. VENUS: Nicht so laut. Die Leute im Dorf wollen schlafen. VENUS tanzt mit THORSTEN. THORSTEN: Sie hat mich auf den Mund geküßt, Mama - und ich hab sie zurückgeküßt. Hast du's gesehen? VENUS: Ich hab's gesehen. Isabelle hat sich in dich verliebt.

15.
VENUS sagt THORSTEN Gutenacht. THORSTEN: Das war mein erster Kuß!!! Ich hab's geschafft. Sie ist ziemlich schwierig. VENUS: Du wirst sie noch viel öfter küssen. THORSTEN: Aber jetzt ist sie weg. VENUS: Ruf sie an. Schreib ihr. Schreib ihr alles, was du fühlst. Ganz offen! Versuch nicht, ihr etwas vorzumachen. Das ist gar nicht so einfach. THORSTEN: Aber wenn du nicht da bist, hat sie keinen Grund zu kommen. VENUS: Sie wird schon Gründe finden, glaub mir.

16.
Am nächsten Morgen ist der Himmel grau (aber vielleicht scheint noch immer die Sonne). VENUS packt ihre Sachen ins Auto. MAX hilft ihr. THORSTEN und SALLY kommen aus dem Haus. VENUS (zu den Kindern): In sechs Wochen bin ich wieder da. Ich werde euch vermissen. Ihr wißt: keine Anrufe. Nur wenn etwas ganz Schlimmes passiert. Papa wird sich um alles kümmern. Ich habe ihm genau erklärt, was er tun muß. SALLY: Wir sind alt genug, Mama. Ich werde ihm helfen. Mach dir keine Sorgen. Hier läuft alles bestens.

17.
VENUS fährt nach Berlin. IM VENUS: Es geht nicht um Männer und ums Ficken. Männer, die mich Ficken wollen, gibts immer. Es geht nur um mich. Ich will herauskriegen, wer ich bin. Wer ich wirklich bin. Ich bin auf dem Weg mich - meine Seele - zu finden. Ich bin bereit, mich auf alles einzulassen. Ich will versuchen, alles was ich gelernt habe, zu vergessen und alles neu zu sehen. Die Welt ist eins. In jeder um mich herumsummenden Biene ist auch mein Leben enthalten. Das klingt schwülstig, aber davon bin ich fest überzeugt. VENUS muß vor einer Bahnschranke anhalten. Es dauert lange, bis ein Zug kommt. IM VENUS: Warum zum Teufel, hab ich mich Venus genannt. Ich bin keine Göttin. Ich habe genau die gleichen Schwierigkeiten beim Leben, wie alle anderen auch. Davon will ich berichten. Es muß ein "Report" werden. Ich bin nur eine Reporterin. Kein Autor. Keine Künstlerin. Eine Bestandsaufnahme, von dem was passiert. Aber trotzdem muß ich eine Menge erfinden.

18.
VENUS fährt durch Berlin. Sie schaut die Häuser an, den Verkehr, als wäre Berlin ein Weltwunder. IM VENUS: Das ist es, was ich brauche. Ich habe mich dort draußen in dieser Landidylle vergraben. Ich muß das Leben, von dem ich schreibe, sehen. Ich muß es spüren. Ich spüre es schon jetzt. Es kommt mir vor, als sei ich schon Jahre nicht mehr hier gewesen. Ich brauche eine Wohnung in der Stadt. Ich will ins Kino gehen. In den Cafés und Restaurants herumhängen und den Menschen zusehen. Wenn mich ein Mann anlächelt, will ich zurücklächeln. Wenn er mich zu einer Tasse Kaffee einlädt, werde ich ja sagen. Wenn er mir gefällt. Wir werden zusammen essen gehen. Wir werden tanzen, bis ich müde werde. Und wenn er mich dann einlädt in seine Wohnung, auf ein letztes Glas Wein. Dann sage ich nicht mehr nein. Mein Gott, das reimt sich ja. Warum nicht, schließlich bin ich eine Dichterin. Das muß ich auch wieder mal versuchen, Gedichte zu schreiben. Schließlich habe ich damit angefangen. Ich fühle mich wie neugeboren.

19.
VENUS parkt ihren Wagen im Hof eines alten Fabrikgebäudes an der Spree. Sie steigt aus, holt ihre Handtasche, ihren Computer und einen großen Koffer aus dem Wagen. IM VENUS: Ich bin gespannt, was Pluto da für mich ausgesucht hat. Was mache ich bloß, wenn mir die Wohnung nicht gefällt? Dann miete ich eine andere oder ziehe ins Hotel. Auf seine Rechnung. VENUS betritt das Gebäude.

20.
VENUS steht vor dem Aufzug. Der Aufzug kommt. Sie öffnet die Tür und sieht neben dem obersten Knopf ein kleines Messingschild: Venus Siebenberg. IM VENUS: Er hat wirklich an alles gedacht. Er ist ein Perfektionist. Ich bin langsam sicher, daß nichts schief gehen wird. Der Aufzug hält in der obersten Etage.

21.
VENUS geht über ein abenteuerliche Konstruktion auf dem Dach zu ihrem Penthouse. Sie holt den Schlüssel aus ihrer Handtasche, schließt auf und betritt die Wohnung. Den Koffer und den Computer läßt sie draußen stehen.

22.
Im Penthouse. Alle Wände des Zimmers sind aus Glas. Im Zimmer kann man in alle Richtungen über die Stadt blicken. Das Zimmer ist spärlich möbliert. Eine Tischplatte, mit einem großen Computermonitor. Ein bequemer Bürodrehstuhl. Eine Matratze auf dem Boden. Ein schöner Gabbeh-Teppich. Und viele Pflanzen, fast ein Dschungel. Neben der Matratze ein Webstuhl. VENUS nähert sich einem Fenster, probiert, ob es sich öffnen läßt, öffnet es und sieht nach unten auf die Spree. IM VENUS: Mein Gott, wenn ich hier einmal das Gleichgewicht verliere, bin ich tot. Welcher verrückte Architekt hat sich das ausgedacht! Und jeder kann mich sehen. Ob ich hier wohl schreiben kann? VENUS schließt das Fenster, holt ihr Gepäck ins Zimmer und setzt sich auf den Bürodrehstuhl. Dann steht sie wieder auf und legt sich aufs Bett. IM VENUS: Das ist der einsamste Platz auf der ganzen Welt.

23.
VENUS schlendert durch die Straßen. Sie kauft in den türkischen Geschäften in der Umgebung die Dinge ein, die sie in den nächsten drei Tagen braucht: Brot, Butter, Marmelade, Milch, Kaffee, Spaghetti, Knoblauch, Salat. Vielleicht kriegt sie von einem der Geschäftsinhaber etwas geschenkt.

24.
Venus sitzt in einem Straßencafé in der Sonne, liest Zeitung und beobachtet die Menschen um sich herum. Neben ihr stehen zwei große Plastiktüten mit den Dingen, die sie eingekauft hat. Ein LIEBESPAAR an einem Nachbartisch küßt sich lange und intensiv und hat die Welt um sich herum vergessen. VENUS guckt ihnen entspannt und völlig ungeniert zu. Das MÄDCHEN scheint ihren Blick zu spüren, sieht VENUS an und lächelt. VENUS lächelt zurück.

25.
VENUS verstaut die Dinge, die sie eingekauft hat, in der perfekt ausgestatteten kleinen Küche, die zu ihrem Penthouse gehört. HANS NEUMANN hat sogar an einen Blumenstrauß gedacht. IM VENUS: Ich will versuchen, das Leben meiner Heldin in einfachen, klaren Sätzen - völlig kunstlos - zu beschreiben. Das ist die größte Kunst. Wenn ich bloß schon wüßte, wie ich anfange.

26.
VENUS legt einen Stapel Schreibmaschinenpapier und eine Büchse voll gut gespitzter Bleistifte auf den Arbeitstisch im Glashaus, setzt sich und will den Computer einschalten. Sie merkt, daß er bereits eingeschaltet ist. Der Monitor leuchtet auf. Auf dem Bildschirm die Nachricht "You have email". Sie öffnet ihre Email. Sie ist von HANS NEUMANN: "Hallo Venus, ich wünsche Dir einen wunderbaren ersten Arbeitstag! Dein Pluto. PS: Neben dem Monitor auf dem Schreibtisch ist eine kleine Webcam. Ich kann im Internet sehen, ob Du auch wirklich arbeitest. Ich kann immer alles sehen. Denk daran." VENUS tippt eine Antwort: "Hallo Pluto, du bist ein perverses Schein. Venus". Sie schickt die email ab, nimmt einen ihrer Bleistifte und schreibt sehr schnell auf das erste Blatt Papier: "Ich liebe die Welt! Alle Menschen, alle Pflanzen, alle Tiere. Die Steine, die Pflanzen und das Wasser, vor allem das Wasser. Die Sonne, den Mond und die Sterne. Das ganze Weltall. Und mich selbst!" Dann hört VENUS auf zu schreiben und denkt nach.

27.
VENUS geht in ein Multiplexkino am Potsdamer Platz. Sie schaut sich die Plakate an.

28.
VENUS sitzt im Kino. Sie sieht "Herbstgeschichte" von Rohmer. Sie ist mit Haut und Haaren dabei.

29.
VENUS fährt mit ihrem Auto durch die Stadt. IM VENUS: Ich möchte schreiben, wie Rohmer dreht. Ich hatte vergessen, daß es solche Filme gibt. Ich muß versuchen, mehr Filme von ihm zu sehen.

30.
VENUS geht in eine Diskothek. Sie wird reingelassen.

31.
VENUS tanzt. FABRICIO BAUMANN (34) sieht ihr zu. Er geht zu ihr auf die Tanzfläche und tanzt wie sie. VENUS bemerkt ihn und lächelt ihn an. FABRICIO lächelt zurück. Beide geben sich der Musik rückhaltlos hin. Der DJ bemerkt sie und ändert den Rhythmus, paßt ihn dem Tanz der beiden an. Der Tanz der beiden wird immer wilder. Dann verändert der DJ wieder den Rhythmus. Die Musik ist jetzt eine Mischung aus Walzer und Blues. FABRICIO nähert sich VENUS und legt einen Arm um sie. FABRICIO: Darf ich? Wie heißt du? VENUS: Venus. FABRICIO: Hallo Venus.

32.
FABRICIO fährt mit VENUS durch die Stadt im Morgengrauen. Er fährt einen silbergrauen Golf.

33.
MAX SCHNECKENHAUS wacht auf. Er schaut auf die Uhr, steht auf, schaut aus dem Fenster, zieht einen Trainingsanzug an und geht aus dem Zimmer.

34.
In der Küche macht er sich einen Tee.

35.
VENUS führt FABRICIO über das Dach in ihr Appartment. Sie schließt die Tür auf und beide treten ein.

36.
VENUS küßt FABRICIO und beginnt dabei ihn auszuziehen.

37.
MAX wandert mit dem Tee in der Hand in seinen Garten. Er setzt sich auf eine Bank. Die Sonne geht auf. Um ihn herum beginnen die Vögel zu zwitschern. Er sieht sich nach ihnen um. Fast so, als hätte er das Gefühl, sie wollten ihm etwas erzählen.

38.
VENUS und FABRICIO liegen im Bett. VENUS ist in seinen Armen eingeschlafen. FABRICIO ist hellwach und schaut sie an.

39.
MAX sitzt mit THORSTEN und SALLY am Frühstückstisch. Ein Telefon klingelt. THORSTEN springt auf: Das ist mein Handy! THORSTEN meldet sich: Thorsten Schneckenhaus. - Isabelle!!! THORSTEN geht mit dem Handy in ein anderes Zimmer. SALLY und MAX schauen sich vielsagend an.

40.
VENUS küßt FABRICIO sehr zärtlich. VENUS: Du mußt jetzt gehen, Fabricio. Ich muß arbeiten. FABRICIO: Sehen wir uns wieder? VENUS: Vielleicht.

41.
VENUS liegt in der Badewanne. Neben ihr eine Tasse Kaffee. Sie trinkt einen Schluck und läßt sich dann wieder ins Wasser sinken. IM VENUS: Ich fühle seinen Schwanz noch immer in mir. Mein Gott, ich hatte ganz vergessen, wie das ist. Ich fühle mich wie neugeboren. Wie Venus, als ich zweiundzwanzig war. Jetzt bin ich wieder wie damals. Jetzt bin ich wirklich wieder Venus. Das ist gut! Ich bin bereit, durch alles durch zu gehen. Ich fühle keine Schuld. Jetzt kann ich schreiben.

42.
Draußen scheint die Sonne. VENUS streicht auf dem Blatt Schreibmaschinenpapier den Titel "Das Abenteuer" durch und schreibt darüber "VENUS TALKING". Den Rest läßt sie stehen. Dann schreibt sie weiter, unter das vorher Geschriebene: "Draußen regnet es in Strömen, aber mir kommt es so vor, als schiene die Sonne. Ich bin heute aufgewacht und habe mich wohlgefühlt. Mein richtiger Name ist Isolde Berggrün. Ich bin vierzig Jahre alt und habe mir vorgenommen, mein Leben grundlegend zu ändern. Ich bin verheiratet und habe vier Kinder. Ich sitze hier in einem Penthouse aus Glas und beschreibe mein Leben. Mein altes Leben und das neue, das ich erforschen will." VENUS zögert einen Moment. Dann schreibt sie weiter: "So genau und so gut ich kann".

43.
VENUS sitzt an ihrem Webstuhl. Sie hat damit angefangen, einen Teppich zu weben. Ein geheimnisvolles Muster ist schon erkennbar. IM VENUS: Wenn ich bloß schon wüßte, was ich schreibe. Lieber Gott, hilf mir.

44.
THORSTEN durchblättert in einem kleinen Schreibwaren- und Zeitungsgeschäft Frauenmagazine. Er guckt immer auch auf den Preis. In einem findet er einen Artikel mit der Überschrift: "Was interessiert Frauen wirklich an Männern? Das überraschende Ergebnis einer Umfrage." Das kauft er. Die Verkäuferin schaut ihn leicht erstaunt an. THORSTEN: Ein Geschenk für meine große Schwester. Sie hat sich verliebt.

45.
MAX SCHNECKENHAUS gibt Deutschunterricht in der 11. Klasse. Er liest seinen Schülern ein Gedicht von Goethe vor. THORSTEN ist unter den Schülern. Er liest völlig gebannt in seinem Frauenmagazin. MAX fragt seine Schüler: Habt ihr das Gedicht verstanden? Niemand rührt sich. MAX: Thorsten, hast du das Gedicht vestanden. THORSTEN schiebt das Magazin unter die Schulbank. THORSTEN: Nein. SUSI meldet sich: Herr Schneckenhaus, darf ich etwas sagen. MAX: Bitte, Susi. SUSI: Da gibts gar nichts zu verstehen. Das ist doch alles ganz einfach. Goethe beschreibt das, was er sieht. Ist das richtig? Einige andere Schüler bestätigen SUSIS Erkenntnis: Genau! MAX lächelt: Ganz so einfach ist das nicht. Der Mann, der das geschrieben hat, heißt schließlich Goethe. Der denkt, wenn er schreibt. Und ich werde jetzt versuchen, daß, was Goethe gedacht hat, was er mit dem Gedicht ausdrücken wollte, zu beschreiben.

46.
VENUS schreibt jetzt zum erstenmal am Computer. Rasend schnell und konzentriert. Neben ihr liegen viele mit Bleistift voll beschriebene Blätter. Während sie schreibt, beginnt sie zu lächeln. Dann hört sie auf zu schreiben. IM VENUS: Das reicht für heute. Sie zündet sich eine Zigarette an und auf dem Bildschirm erscheint die Nachricht "You have email". Sie sichert das Geschriebene und öffnet die Email. "Hallo Venus, du bist ein braves Mädchen. Das war toll! Pluto." VENUS antwortet: "Verpiß dich! Venus". VENUS setzt sich wieder an ihren Webstuhl.

47.
MAX kocht das Mittagessen für sich und seine Kinder. THORSTEN und SALLY kommen ins Haus. MAX: In 20 Minuten ist das Essen fertig.

48.
THORSTEN schaltet in seinem Zimmer den Computer an und wirft seinen Schulrucksack in die Ecke. Er guckt, ob er eine Email hat. Es ist eine da. Von ISABELLE. "Hi Thorsten, ich habe mit meinem Vater geredet. Ich kriege morgen eine Webcam. Dann kann ich immer bei dir sein. Nur du kriegst die Adresse! Ich muß die ganze Zeit an dich denken und dann tut alles weh in mir drin. Isabelle." Thorsten antwortet: "Hi Isabelle, du bist supercool!!!!!! Ich bin total gespannt. Thorsten." SALLY kommt in Thorstens Zimmer. SALLY: Was machst du? Das Essen ist fertig. THORSTEN: Nichts.

49.
MAX, THORSTEN und SALLY beim Mittagessen. Die Kinder essen mit großem Appetit. SALLY: Papa, du bist der beste Koch aller Zeiten. Mama kann ruhig öfter weggehen. MAX: Danke. Ich vermisse sie schon. Zuerst werden die Schulaufgaben gemacht. Ist das klar. THORSTEN: Ja. SALLY: Klar. MAX (zu THORSTEN): Was hat du heute im Unterricht gelesen? THORSTEN: Susi hat ein Gedicht geschrieben. Ich sollte ihr sagen, ob es gut ist.

50.
VENUS sitzt wieder im Straßencafé. Sie blättert durch die Zeitung. Nichts findet ihr Interesse. Sie legt die Zeitung weg, holt aus iherer Handtasche einen Zettel und ihr Handy. Sie wählt eine Nummer. VENUS: Hallo Fabricio. - Ich habe heute wieder Lust zu tanzen. - VENUS lächelt über das, was FABRICIO sagt. VENUS: Okay. Klingle. Dann komm ich runter.

51.
Es ist abend. FABRICIO trägt einen sommerlichen Anzug. Er lehnt an seinen Golf. VENUS kommt aus dem Eingang des Fabrikgebäudes. Sie ist feierlich angezogen. FABRICIO geht auf sie zu und umarmt sie. FABRICIO: Du siehst toll aus. FABRICIO öffnet für VENUS die Autotür.

52.
FABRICIO fährt mit VENUS am Reichstag vorbei. Dann hält er an. FABRICIO: Jetzt muß ich dir die Augen verbinden. FABRICIO legt seine Krawatte ab und verbindet VENUS die Augen. VENUS: Bist du ein Mitglied der Mafia? Willst du mich entführen?

53.
Sie fahren weiter. FABRICIO: Es ist das geheimste Lokal in Berlin. Wer einen Gast mitbringt, muß ihm die Augen verbinden, damit er - oder sie - die Adresse nicht weitergeben kann. Wer sich nicht daran hält, kriegt Lokalverbot.

54.
FABRICIO und VENUS werden von NICOLETTA, der Wirtin, begrüßt: Guten Abend, Fabricio. Das Essen ist schon fertig. FABRICIO nimmt VENUS die Krawatte ab und stellt vor: Nicoletta. Venus Siebenberg. FABRICIO trägt sich in ein Gästebuch ein.

55.
NICOLETTA bringt FABRICIO und VENUS zu ihrem Tisch. Auf dem Tisch stehen frische Blumen. NICOLETTA: Guten Appetit! TONINO kommt mit einer Flasche Wein und entkorkt sie. Er läßt FABRICIO probieren. FABRICIO kostet den Wein: Wie immer, ausgezeichnet, Tonino.

56.
SALLY sitzt auf einem Hochsitz am Rand einer Waldlichtung. MANUEL kommt mit seinem Fahrrad und klettert auf den Hochsitz. SALLY: Ich zeige dir jetzt ein Geheimnis. Du mußt schwören, daß du es niemand weitersagst. Du mußt die Hand heben. So. (Sie macht es ihm vor) Und sagen: ich schwöre, daß ich niemals etwas davon, was Sally mir zeigt, weitersagen werde. MANUEL hebt die Hand, so wie SALLY es ihm gezeigt hat, und sagt: Ich schwöre, daß ich niemand etwas weitersage.
SALLY zieht ihre Bluse aus und zeigt MANUEL ihre Brüste. SALLY: Du darfst sie anfassen. MANUEL legt die Hand auf SALLYS Brust. SALLY: Ich bin jetzt deine Frau.

57.
VENUS ißt mit Hingabe. FABRICIO kommt kaum zum Essen, weil er VENUS seine Lebensgeschichte erzählt. FABRICIO: Tagsüber habe ich in einem Restaurant als Kellner gearbeitet. Und abends bin ich ins Arsenalkino gegangen und habe die Filmgeschichte studiert. Ich kenne alle wichtigen Filme von Lumière und Melies bis Rohmer, Wenders und Quentin Tarantino. VENUS: Rohmer mag ich auch. FABRICIO (begeistert): Der ist wirklich einer meiner Lieblingsregisseure. Dann haben wir schon etwas gemeinsam. Ich würde gerne mit dir ab und zu ins Kino gehen. VENUS: Du solltest essen. Sonst wird es kalt. FABRICIO hört auf zu reden und ißt.

58.
MAX bringt SALLY ins Bett. MAX: Gute Nacht, schlaf gut. SALLY: Papa? MAX: Ja. SALLY: Was muß ich tun, wenn ein Junge mich küssen will. MAX: Nichts. Küß ihn zurück. SALLY küßt MAX: Gute Nacht, Papa.

59.
MAX schaut bei THORSTEN vorbei. THORSTEN sitzt an seinem Computer und surft im Internet. MAX: Schluß für heute. Jetzt geht's ins Bett. THORSTEN schaltet gehorsam den Computer aus. THORSTEN gibt seinem Vater einen Gute-Nacht-Kuß. THORSTEN: Papa, ich brauche eine Webcam. Ist es Okay, wenn ich sie mit deiner Kreditkarte bestelle? Sie kostet nur 229 Mark. MAX: Wofür brauchst du denn sowas? THORSTEN: Du mußt mir versprechen, daß du niemand was davon erzählst. THORSTEN geht in sein Bett. MAX: Also gut. THORSTEN: Isabelle hat auch eine. Wir können miteinander telefonieren und uns gleichzeitig sehen. MAX: Das ist wichtig, das sehe ich ein. Aber dann kriegst du kein Geburtstagsgeschenk mehr. THORSTEN: Danke. Schlaf gut, Papa.

60.
MAX sitzt in seinem Zimmer und schreibt ein Fax an VENUS: Meine liebe Ehefrau, hier geht alles seinen Gang. Die Kinder scheinen Dich nicht zu vermissen (obwohl ich mir da nicht so sicher bin). Sie interessieren sich ganz plötzlich für das andere Geschlecht. Sally und Manuel haben sich inzwischen geküßt. Und Thorsten hat nur noch Isabelle im Kopf. Ich habe ihm erlaubt, sich eine Webcam zu kaufen (ich hoffe, Du weißt, was das ist?). Ich auf jeden Fall vermisse Dich sehr. Ich bin selbst überrascht darüber. Es ist eben so, wie Heidegger das erkannt hat: erst wenn etwas nicht mehr da ist, bemerkt man, wie wichtig es ist und kann man erkennen, was es wirklich bedeutet/ist. Ich weiß jetzt, daß ich Dich nach zwanzig Ehejahren noch immer liebe. Dein Mann."

61.
VENUS und FABRICIO liegen zusammen im Bett. VENUS: Ich könnte dir für deinen neuen Film Geld leihen. FABRICIO wehrt das Angebot von VENUS entrüstet ab: Niemals im Leben. Lieber höre ich auf, Filme zu machen. In diesem Augenblick kommt ein Fax. VENUS: Vielleicht ist es wichtig. VENUS steht auf und liest das Fax von MAX. IM VENUS: Ich liebe dich auch. Aber jetzt habe ich mich in Fabricio verliebt. Bloß das kann ich dir nicht sagen. Dann drehst du durch. FABRICIO: Ist es wichtig? VENUS: Sehr. Es ist von meinem Mann. VENUS legt das Fax unter das Schreibmaschinenpapier. FABRICIO: Du hast mir nicht gesagt, daß du verheiratet bist. VENUS: Wir hatten bisher keine Zeit dazu. VENUS legt sich wieder zu FABRICIO ins Bett. VENUS: Ich liebe meinen Mann. Auch wenn ich mit dir schlafe. Kannst du das verstehen? FABRICIO: Ich will’s versuchen.

62.
THORSTEN hilft MAX, ein Rosenbeet anzulegen. Sein Handy klingelt. THORSTEN: Isabelle. Toll, daß du anrufst. (zu MAX) Ich komme gleich wieder. THORSTEN geht ins Haus.

63.
In THORSTENS Zimmer. THORSTEN gibt die Webadresse, die ISABELLE ihm durchgibt, in Netscape ein. Und tatsächlich auf dem Monitor ist ISABELLE zu sehen. Das Bild ist zwar klein und ein bißchen ruckelig. Aber es ist ISABELLE. THORSTEN: Das ist wirklich toll. Es klappt. ISABELLE: Jetzt können wir jeden Abend miteinander reden. THORSTEN: Ich kriege auch eine Webcam. Dann kannst du mich auch sehen.

64.
VENUS läuft in ihrem Glashaus herum. Sie schaut durch die Fenster, was draußen passiert. Dann fängt sie an, ihre Beistifte zu spitzen. Sie setzt sich, und beginnt Notizen zu machen. Die Blätter sind nummeriert. Sie ist schon bei Blatt 43.

65.
THORSTEN pflanzt mit MAX Rosen. Neben ihnen steht eine Schubkarre mit frischer Komposterde, zwei Gießkannen und vierzehn Rosenstöcke in Plastiktöpfen. THORSTEN: Es funktioniert. MAX: Was funktioniert? THORSTEN: Isabelles Webcam. Ich habe sie gerade im Internet gesehen.

66.
VENUS sitzt jetzt am Computer und schreibt: Ich bin verwirrt. Durch meinen Kopf schießen tausend Gedanken. Gestern bin ich am Wannseeufer spazieren gegangen. Ich habe mich auf einen umgefallenen Baumstamm gesetzt und in Goethes "Wahlverwandtschaften" gelesen. Da kommt ein Mann auf mich zu, Mitte dreißig, groß, dunkelhaarig. Ein bißchen so, wie ich mir den Eduard vorstelle. Er bleibt etwa drei Meter entfernt von mir stehen und sagt: Ich habe mich in Sie verliebt. Können Sie mir helfen? Ich antworte: Sie kennen mich doch gar nicht. Er: Ich beobachte Sie schon eine ganze Weile. Ich: Das gefällt mir nicht. Er: Ich möchte Sie zum Essen einladen. Ich: Ich habe keinen Hunger. Er: Dann vielleicht auf ein Glas Champagner. Sie können nein sagen, dann drehe ich mich um und lasse Sie in Ruhe. Wir haben uns in die Augen gesehen. Es war etwas in seinem Blick… VENUS streicht den letzten Satz.

67.
Es ist dunkel. THORSTEN sitzt in seinem Zimmer vor dem Computer und telefoniert. Auf dem Bildschirm ist ISABELLE. THORSTEN: Okay, ich verspreche es dir. ISABELLE zieht ihr Kleid aus. ISABELLE: Soll ich mich noch mehr ausziehen? THORSTEN: Ja. ISABELLE zieht ihren BH aus. ISABELLE: Möchtest du, daß ich auch noch den Slip ausziehe? THORSTEN: Jaaa! ISABELLE zieht jetzt ihren Slip aus. ISABELLE: Gefalle ich dir? THORSTEN: Ja. Du bist das schönste Mädchen auf der ganzen Welt. Es klopft an der Tür. THORSTEN: Moment! (ins Telefon) Jemand klopft bei mir. Bestimmt mein Vater, um mir zu sagen, daß ich den Computer ausschalten soll. (flüstert ins Telefon) Du bist wunderbar, Isabelle. Bis morgen. THORSTEN beendet das Programm. THORSTEN: Jetzt kannst du reinkommen. Es ist SALLY im Schlafanzug. SALLY: Was hast du gemacht? THORSTEN: Sei nicht so neugierig, kleine Schwester! SALLY: Hast du ihr gesagt, wie sehr du sie liebst? THORSTEN: Hau ab!

68.
VENUS sitzt noch immer am Computer und schreibt: Wir haben eine Flasche Champagner ausgetrunken. Und dann haben wir uns in die Augen gesehen. Vielleicht fünfzehn Minuten, vielleicht eine halbe Stunde. Ich habe alles in seinen Augen gesehen. Sein ganzes Leben, mich, die ganze Welt. Ich glaube, obwohl ich nicht sicher bin, ob ich an Gott glaube, so muß es sein, wenn man Gott in die Augen sieht.

69.
Am Morgen. VENUS spitzt ihre Bleistifte. Neben ihr eine Tasse Kaffee. Sie beginnt zu notieren. IM VENUS: Ich fühle mich heute leer. In mir ist ein tiefsitzender Schmerz. Ich frage mich, was mache ich hier eigentlich. Ich vermisse Thorsten und Sally. Ich will dabei sein, wenn sie die Liebe entdecken. Am liebsten würde ich alles hier abbrechen und nachhause fahren. Was ist passiert? Max hat mir ein Fax geschickt und ich habe heute alleine hier geschlafen. Ich sitze hier wie auf dem Präsentierteller. Ich weiß noch nicht, ob ich das aushalte. VENUS geht zu ihrem Webstuhl und webt. IM VENUS: Ich zweifele an allem. Vielleicht mache ich alles falsch. So habe ich noch nie geschrieben. Vielleicht bin ich zu übermütig geworden. Übermut tut selten gut, hat mein Vater immer zu mir gesagt. Aus dem Computer kommt ein Dreiklang und die Nachricht: You have email. VENUS geht hin und öffnet die Mail. “Hallo Venus, ein bißchen sehr mystisch, was du da gestern geschrieben hast. Marcel Reich-Ranicki würde das nicht gefallen. Vielleicht kannst du das nochmal überdenken. In zwei Stunden kommt Zickzack zu mir ins Büro. Er liest mit. Er ist sehr nervös. Halt die Ohren steif und mach weiter. Pluto. PS: Ich bin immer auf Deiner Seite! VENUS antwortet: Hallo Pluto, ich denke nicht, wenn ich schreibe. Auch nicht an Reich-Ranicki. Das solltest du inzwischen wissen. Venus.

70.
Im Büro von HANS NEUMANN. ZICKZACK und sein Rechtsanwalt HUBER sitzen HANS NEUMANN gegenüber. ZICKZACK: “Venus Talking” ist ein guter Titel. Tausendmal besser als “Das Abenteuer”. Daraus kann man was machen. Aber was Venus da schreibt, ist mystische Kunstkacke, ist Schwachsinn. HUBER: Mein Mandant hat gedacht, daß wir Ihnen jetzt, in diesem Stadium, eine Abfindung vorschlagen. Wir beenden den Vertrag jetzt, bevor noch ein größerer Schaden entsteht und zahlen Ihnen sofort hunderttausend Mark in bar. Mein Mandant hat das Geld mitgebracht. ZICKZACK öffnet einen Metallkoffer, in dem hunderttausend Mark in Hundertmarkscheinen liegen. HUBER: Sie müssen nur vorher dieses Dokument unterzeichnen, daß ich vorbereitet habe. NEUMANN denkt nach: Nein. ZICKZACK: Ich würde mein Angebot sogar auf zweihunderttausend erhöhen. Für die zweiten Hunderttausend müßte ich dir allerdings einen Scheck geben. NEUMANN denkt noch länger nach: Ich sage nochmal nein. So läuft das bei mir nicht. Ich bin kein Glücksspieler. Bernie du mußt geduldig sein. Warte ab. Sie kann erzählen! Das weiß ich. Irgendwann gibt es bei ihr einen Kick und dann sieht alles anders aus. Alles, was sie bisher geschrieben hat, erscheint plötzlich in einem neuen Licht. Das kommt wie ein Blitz. Aber ich weiß natürlich auch nicht vorher, wann er kommt. Sie denkt, daß sie nicht an ihre Leser denkt, aber das tut sie doch. Sie hat das im Blut. Zuerst lügt sie sich die Hucke vom Leib. Dann kommt sie zum Kern der Sache. Das, worum es ihr wirklich geht. Glaubst du, Bernie, ich schmeiße mein Geld zum Fenster raus? Obwohl - für sie würde ich es tun! Du mußt etwas riskieren, um zu gewinnen! Das hab ich mal in einem Film gehört. Ich glaub es war Bruno Ganz, der das gesagt hat. Schick ihr ein Fax und sag, daß du mit ihr reden willst. ZICKZACK: Wenn meine Aktionäre erfahren, was sich hier abspielt, sind die Aktien im Keller und ich bin um siebzig Millionen ärmer. NEUMANN: Das hättest du dir vorher überlegen sollen. Aber bitte rede mit ihr.

71.
VENUS und ZICKZACK sitzen in einem Restaurant. ZICKZACK ist sehr betrunken: Venus, du bist der professionellste Autor, den ich bis jetzt kennengelernt habe und du bist eine tolle Frau. Ich vertraue dir. ZICKZACK trinkt einen Schluck aus seinem Weinglas. ZICKZACK: Und wenn du es willst, mache ich mit dir einen Vertrag über zehn Filme. (Pause) Ich glaube, wir sollten so langsam nach Hause gehen. (ins Lokal) Wir möchten bezahlen! VENUS: Ich lade dich ein und ich werde fahren. Sonst verlierst du noch deinen Führerschein.

72.
Im Auto. VENUS fährt. ZICKZACK (bettelnd): Könnte ich heute Nacht nicht bei dir schlafen. Ich fühle mich so allein. Ich will nur schlafen.

73.
VENUS stützt ZICKZACK beim Weg über die Dachbrücke zu ihrem Glashaus. VENUS: Halt dich fest! Wenn du hier runter fällst, bist du tot. Du siehst, Bernie, ich lebe gefährlich. Vivre dangereusement jusqu’au bout!

74.
VENUS zieht ZICKZACK, der dazu nicht mehr in der Lage ist, aus und legt ihn ins Bett. VENUS: Mach dich nicht so schwer! Ein bißchen kannst du schon mithelfen! ZICKZACK: Ich schlafe schon halb.

75.
VENUS putzt sich die Zähne.

76.
VENUS legt sich neben ZICKZACK ins Bett. ZICKZACK wird plötzlich wieder lebendig. ZICKZACK: Darf ich meinen Arm um dich legen? VENUS: Wenn’s sein muß. ZICKZACK: Dann kann ich besser schlafen. ZICKZACK legt einen Arm um VENUS. ZICKZACK: Jetzt geht es mir gut. In einer Minute bin ich eingeschlafen. Nach zehn Sekunden sagt ZICKZACK: Wenn ich mein Bein noch ein bißchen über deine Beine legen könnte, wär das noch besser. Du bist so warm und fühlst dich toll an. Außerdem kann ich besser schlafen, wenn ich auf der Seite liege.

77.
HERBERT sitzt an seinem von Computergeräten und Büchern voll bedeckten Schreibtisch in der Nacht und ist auf der Website von VENUS Webcam. Wenn VENUS zu ZICKZACK ins Bett geht, leuchten seine Augen noch mehr als wenn er von Computern redet. Er schaltet den Computer von VENUS um auf eine andere Webcam über dem Bett. Er sieht jetzt VENUS und ZICKZACK von oben. HERBERT: Es funktioniert. Das ist wunderbar.

78.
Früher Morgen. THORSTEN findet im Internet die Webcam von VENUS. Sie liegt mit ZICKZACK im Bett.

79.
THORSTEN weckt MAX. THORSTEN: Wach auf, Papa. Ich muß dir was zeigen. MAX schaut auf die Uhr. MAX: Muß das sein? THORSTEN: Ja. MAX steht auf.

80.
MAX und THORSTEN starren auf die Internetseite mit der Webcam von VENUS. VENUS wacht gerade auf und kuschelt sich an ZICKZACK. THORSTEN: Du mußt sofort zu ihr fahren und ihr sagen, daß sie das nicht tun darf. Wenn das die andern Jungen aus meiner Klasse sehen, gehe ich nicht mehr in die Schule. SALLY kommt ins Zimmer und schaut auch zu. THORSTEN (zu MAX): Was sagst du dazu? MAX: Wenn sie ein Buch schreibt, dann lebt sie wie eine Schlafwandlerin. Niemand darf sie stören. Auch ich nicht. THORSTEN: Aber das geht zuweit. SALLY (leise): Alle Männer lieben Mama. VENUS küßt ZICKZACK. MAX: Schalt den Computer aus! THORSTEN schaltet den Computer aus. THORSTEN: Wie kannst du nur so cool sein. MAX: Ich bin nicht cool. Ich muß nachdenken.

81.
MAX sitzt an seinem Schreibtisch und schreibt ein Fax. “Liebe Venus. Die Kinder haben Dich im Bett mit einem anderen Mann im Internet gesehen. Du bist schamlos. Ich möchte Dich heute Abend im “Amore” treffen. Ich muß (!!!) mit Dir sprechen. Schon um abzusprechen, unter erwachsenen Menschen, was ich den Kindern sagen soll. Ich bin um 20.00 Uhr da. Dein Dich noch immer (vielleicht ist das dumm von mir) liebender Mann. Bitte komm!!!

82.
MAX sitzt im “Amore”. Er trinkt Mineralwasser und sieht auf seine Uhr.

83.
VENUS fährt durch die Stadt. IM VENUS: Was kann ich Max sagen? Ich will nicht, daß er mich und die Kinder verläßt. Ich bin mir keiner Schuld bewußt. Ich werde ihn nicht belügen. Ich werde mich nicht entschuldigen. Ich werde ihm ganz ruhig sagen, was passiert ist. Ich bete, daß er stark genug ist, das zu ertragen.

84.
MAX und VENUS sitzen sich im “Amore” gegenüber. Beide schweigen lange. VENUS: Ich habe nicht gewußt, daß man mit dieser Webcam auch mein Bett sehen kann. Davon hat Pluto mir nichts gesagt. MAX: Ich möchte mit dir schlafen. VENUS: Max versuch mich zu verstehen. Ich will das jetzt nicht. MAX (laut): Weil du noch den Penis von deinem Liebhaber in dir fühlst. VENUS: Red nicht so laut! (Pause) MAX: Hast du wenigstens ein Präservativ benutzt? VENUS: Beim erstenmal nicht. Ich habe nicht damit gerechnet. Dann schon. MAX: Was machst du, wenn du ein Kind von ihm bekommst? VENUS: Das habe ich mir nicht überlegt. Darüber können wir immer noch reden, wenn es soweit ist. MAX: Du bist verrückt geworden. Du willst wirklich mit mir besprechen, ob du von einem anderen Mann ein Kind bekommst sollst. VENUS: Warum nicht. Ich liebe dich immer noch und werde dich nicht verlassen. MAX: Was soll ich Sally und Thorsten erzählen? Thorsten ist empört. VENUS: Die Wahrheit. So lernen sie, wie kompliziert das Leben ist. MAX: Du bist zynisch. Ich hasse dich. MAX steht auf und geht.

85.
MAX betritt ein Bordell. Eine Blondine empfängt ihn: Ich bin Monika. Hast du gerade angerufen? MAX: Ja. MONIKA: Du warst noch nie bei uns, richtig? MAX: Nein. MONIKA: Wie heißt du? MAX: Max Schneckenhaus. MONIKA verzieht für den Bruchteil einer Sekunde ihr Gesicht, hat sich aber gleich wieder unter Kontrolle. MONIKA: Dein Vorname genügt. Hast du einen besonderen Wunsch? MAX: Nein. MONIKA: Soll ich dir ein paar von unseren Mädchen vorstellen? MAX: Nicht nötig. Ich würde es gerne mit Ihnen machen. MONIKA: Wir duzen uns alle hier.

86.
MONIKA geht mit MAX in ein Gästezimmer. MONIKA: Zieh dich aus. Eine Frau hat dir das Herz gebrochen? Dabei fängt MONIKA an, sich auszuziehen. MONIKA: Hab ich recht? MAX fängt an, sich mechanisch auszuziehen.

87.
Es ist Nacht. MAX fährt nach Hause zu seinen Kindern. IM VENUS: Ich würde alles darum geben, wenn ich jetzt wüßte, was du machst. Ich liebe dich, Max. Glaub mir, ich verlasse dich nicht. Ich habe es dir versprochen. Und ich halte, was ich verspreche. Das weißt du auch. Sonst hättest du mich längst verlassen. Wie all deine anderen Frauen.

88.
Morgens. VENUS spitzt ihre Bleistifte. Vom Computer der Dreiklang und die Nachricht: You have email. Sie ist von PLUTO. Hallo Venus, deine Webpage ist ein unglaublicher Erfolg. Wir haben täglich fast 1000 Hits. Und die Email, die hier für dich angekommen ist, kann ich schon nicht mehr zählen. Ich bin glücklich und stolz auf dich. Pluto. — VENUS antwortet: Ich will dich um 4 Uhr im Café “Rote Rose” bei mir um die Ecke treffen. Wir müssen etwas Grundsätzliches besprechen. Wenn du nicht kommst, höre ich auf zu schreiben. Es ist mir ernst. Venus. VENUS schickt die email ab. Dann beginnt sie Notizen zu machen.

89.
MAX frühstückt mit THORSTEN und SALLY. Die Stimmung ist nicht gut. SALLY: Wann bist du wieder nach Hause gekommen? MAX: Vor zwei Stunden. SALLY: Dann mußt du todmüde sein. MAX (zu THORSTEN) Ich möchte nicht, daß du nochmal auf Mamas Webcam guckst. Hast du das verstanden? THORSTEN: Okay.

90.
VENUS sitzt an ihrem Webstuhl. Sie arbeitet nicht sehr konzentriert. Sie geht zum Computer und untersucht die Webcam, verfolgt, wohin das Kabel führt. Sie entdeckt ein zweites Kabel, untersucht, wohin das führt und entdeckt an der Decke über dem Bett eine zweite Webcam. Sie steigt auf einen Stuhl und zerschlägt die Linse mit einem Messer. IM VENUS: Ich kann mir nicht vorstellen, daß Pluto davon weiß. Das muß dieser verrückte Herbert gewesen sein.

91.
VENUS sitzt in ihrem Café und liest Zeitung. Ein Interview mit Botho Strauß mit dem Titel “Am Rand. Wo sonst.” NEUMANN kommt. VENUS: Hallo Pluto. NEUMANN will VENUS umarmen. VENUS: Setz dich! Ich bin stinksauer. Willst du wissen, warum? NEUMANN setzt sich: Ja. Es läuft doch alles ganz wunderbar. VENUS: Ja für perverse Schweine vielleicht. Jemand hat eine zweite Webcam, die direkt auf mein Bett gerichtet ist, eingebaut. VENUS drückt NEUMANN ein zusammengeknäueltes Papier in die Hand. VENUS: Das sind die Reste davon. NEUMANN öffnet das Papieknäuel. Darin liegen die Reste der Webcam.

92.
In NEUMANNS Büro. HERBERT kommt herein. NEUMANN: Setz dich. HERBERT setzt sich. HERBERT: Was gibt’s? Hast du dich endlich entschlossen, die neuen Computer zu kaufen? NEUMANN: Herbert, du bist ein guter Computerfachmann, aber ich habe kein Verständnis für deine privaten Neigungen. Du hast am Arbeitsplatz von Venus, unserem wichtigsten Projekt in diesem Jahr, eine zweite Webcam installiert, die das zeigt, was in ihrem Bett passiert. HERBERT antwortet kleinlaut: Ich wollte doch nur rauskriegen, ob sowas aus der Ferne funktioniert, von einer Webcam auf eine andere umzuschalten. Es hat funktioniert. NEUMANN: Allerdings. Und deshalb bist du gefeuert. Hier ist eine Vereinbarung, die alles regelt.

93.
VENUS gießt die Pflanzen in ihrem Zimmer, sieht sich dabei nochmal überall um. Dann setzt sie sich an den Computer und schreibt: “Bin ich eine läufige Hündin? Gestern abend war ich beim Chinesen um die Ecke essen. Ich hatte keine Lust zu kochen. Keine Lust irgendjemand zu sehen. Da kam Christo und fragte, ob er sich an meinen Tisch setzen könne. Er sah sehr traurig aus. Wie ein Hund. Ich habe ja gesagt. Dann hat er mir sein ganzes Leben erzählt. Er ist in Spanien geboren. Mit neunzehn nach Deutschland gegangen. Er hat hier studiert und dann gearbeitet. Er ist Bauingenieur. Seine Mutter ist tot. Sein Vater ist tot. Seine Frau hat ihn verlassen. Jetzt ist Fernando hier bei mir im Glashaus. Ich sitze auf ihm. Wir sind beide nackt. Jeder kann uns sehen. Im Internet oder mit dem Fernglas. Es ist wunderbar schamlos, was ich jetzt tue: Schreiben und Ficken.” VENUS, die natürlich allein ist, steht auf und guckt aus dem Fenster, ob irgendwo jemand sie beobachtet. Dann setzt sie sich und schreibt weiter. “Ich fühle mich wie auf einer Raumstation. Losgelöst von der Anziehungskraft der Erde. Der traurige Christo, der jetzt gar nicht mehr traurig ist, schaut mir beim Schreiben zu. Er lächelt manchmal über das was ich schreibe und manchmal macht er noch was Anderes. Ganz vorsichtig, um mich bei meiner Arbeit, die wie ich jetzt merke immer auch körperlich ist, nicht zu stören. Schreiben ist körperliche Arbeit. VENUS hört einen Moment auf mit dem Schreiben und denkt nach. Vielleicht ist Isolde Berggrün eine Außerirdische, die die Erde besucht. Vielleicht ist sie eine Göttin? Vielleicht ist sie Venus? Vielleicht ist sie die Person, die ich mir vorgestellt habe, als ich anfing zu schreiben. Das wäre wunderbar.”

94.
THORSTEN kommt nach Hause. Er hat sich die Haare ganz kurz schneiden lassen. MAX, der gerade die Blumen und Pflanzen gießt: Hättest du sie nicht ein bißchen länger lassen können? THORSTEN: Jetzt sind sie so kurz wie deine. Kann ich dir helfen? MAX: Deine Webcam ist heute mit der Post gekommen. Nimm die andere Gießkanne. THORSTEN füllt die andere Gießkanne voll Wasser und geht zu seinem Vater. THORSTEN: Ich möchte über das Wochende nach Berlin fahren. MAX: Aber nicht zu Mama. THORSTEN: Isabelle hat mich eingeladen. Ich darf bei ihr übernachten. Ihre Mutter hat ja gesagt. MAX: Aber nicht in einem Bett. THORSTEN: Papa!

95.
Im Arbeitszimmer von MAX. MAX öffnet eine Schublade in seinem Schreibtisch und gibt THORSTEN zwei Präservative. MAX: Für alle Fälle. Ein Kind zu kriegen in deinem Alter, damit kommst du nicht klar. Als ich fünfzehn war, habe ich zum erstenmal mit einem Mädchen geschlafen. Dann haben wir jeden Monat verzweifelt darauf gewartet, daß sie wieder ihre Periode bekommt. Bloß weil ich mich damals nicht getraut habe, Präservative zu kaufen. THORSTEN: Ich bin sechzehn. Ich hätte mir die schon selbst im Supermarkt besorgt.

96.
THORSTEN hat seine Webcam installiert. Er ruft Isabelle an. THORSTEN: Ich habe jetzt auch eine Webcam. Guck mal rein. ISABELLE: Ich kann dich sehen. Jetzt mußt du dich auch ausziehen. THORSTEN ziert sich: Das kann doch jeder sehen. ISABELLE: Es dauert doch nur eine Minute. Ich bin der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der dich sieht. Ich hab’s auch gemacht. Wenn du’s nicht machst, mache ich Schluß. Dann darfst du nicht zu mir kommen. Ich heirate keinen Feigling. THORSTEN: Du erpreßt mich. Das ist unfair. THORSTEN zieht sich splitternackt aus. Dann nimmt er wieder seinen Handy. THORSTEN: Alles Okay? ISABELLE: Jetzt darfst du kommen.

97.
VENUS geht mit FABRICIO am Wannseestrand spazieren. VENUS: Vielleicht kann ich dir helfen. Ich kenne einen jungen Produzenten, der hat seine Firma an die Börse gebracht und hat plötzlich so viel Geld, daß er nicht mehr so richtig weiß, wie er es ausgeben soll. FABRICIO: Ich kenne solche Leute. Ich mache keine kommerziellen Filme. Um keinen Preis. Ich bin ein Künstler. VENUS bleibt stehen und setzt sich auf einen umgefallenen Baumstamm. FABRICIO setzt sich neben sie. FABRICIO: Ich verkaufe mich nicht. VENUS: Glaubst du, daß ich mich verkaufe? FABRICIO: Nein. VENUS: Bist du dir ganz sicher? FABRICIO: Ich kenne deine Seele. VENUS: Wie bitte? FABRICIO: Als wir zusammen getanzt haben, habe ich sie gesehen. Ganz rein und ganz unschuldig. Ich war mit dir ganz plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, außerhalb von Raum und Zeit. Du hast mich mit in deine Welt genommen. Du bist eine Göttin. VENUS: Alle Frauen sind Göttinnen.

98.
THORSTEN sitzt im Zug nach Berlin. Für ihn ist das eine Reise. Er schaut mit weit geöffneten Augen auf alles, was er sieht. Die Landschaft draußen: ein ehemaliges russisches Militärgelände mit richtigen Dünen. Und die Menschen im Zug. Eine Gruppe von fünf Jungen und Mädchen, die wie er in die Stadt fahren, um etwas zu erleben. Die haben Handys und telefonieren in die Stadt.

99.
ISABELLE holt THORSTEN am Bahnhof Wannsee ab. Sie umarmen sich, küssen sich aber nicht. THORSTEN: Ich will noch Blumen kaufen für deine Mutter. ISABELLE: Das ist sehr gut. Zuerst essen wir. Dann gehen wir ins Kino. Dann zeige ich dir ein bißchen Berlin und dann gehen wir in meine Lieblingsdisko.

100.
Im Arsenalkino. FABRICIO zeigt VENUS seine Kurzfilme. VENUS: Ich verstehe nichts vom Kino. Aber wenn Kino das ist, was ich mir darunter vorstelle, dann verstehst du was davon. Das fühle ich. Ich werde dich mit Zickzack zusammenbringen.

101.
THORSTEN sitzt mit ISABELLE und ihren Eltern, HANS NEUMANN und ISOLDE, beim Abendessen. ISOLDE: Was habt ihr beide vor? ISABELLE: Wir wollten ins Kino und dann in die Disko. ISOLDE: Aber um eins seid ihr wieder zuhause. ISABELLE: Da gehts doch erst richtig los, Isolde. Außerdem will ich Thorsten ein bißchen die Stadt zeigen. Er weiß doch gar nicht, was hier alles läuft. Ich will seine Fremdenführerin sein. ISOLDE: Na schön, bis zwei Uhr. Und du hast deinen Handy eingeschaltet. Du weißt, daß ich nicht einschlafe, bevor du wieder zu Hause bist. THORSTEN: Frau Neumann, Sie können sich auf mich verlassen. Ich werde dafür sorgen, daß wir um zwei wieder da sind. ISABELLE schaut THORSTEN mißbilligend an.

102.
FABRICIO führt VENUS in sein kleines Zweizimmerappartement. FABRICIO: Ich war nicht darauf vorbereitet, daß wir heute zu mir gehen. Es ist alles sehr unordentlich. FABRICIO schmeiß ein paar Kleidungsstücke von einer Sitzecke in eine andere Ecke. Setz dich. Was möchtest du trinken? VENUS sieht sich um: Was hast du? FABRICIO: Alles. Wein, rot, weiß. Campari, Wodka, Bier, Sprudel, Orangensaft, Apfelsaft. VENUS: Sag mal, hast du hier eine Bar? FABRICIO: Als Filmproduzent muß man immer alles anbieten können. VENUS: Vielleicht ein Campari mit Orangensaft. VENUS läßt sich in einen Sessel fallen. VENUS: Aber dann will ich schlafen. FABRICIO: Zu Befehl, Herr General!

103.
ISABELLE geht mit THORSTEN in ihre Lieblingsdisko. Sie werden reingelassen, weil die Türsteherin, die sehr kräftig aussieht, ISBELLE erkennt. Andere werden abgewiesen.

104.
THORSTEN und ISABELLE tanzen. ISABELLE macht THORSTEN dabei vor, wie man heute tanzen muß. THORSTEN ist sehr gelehrig.

105.
VENUS und FABRICIO liegen im Bett. FABRICIO will mit VENUS schlafen. VENUS: Ich bin zu müde. Sei mir nicht böse. Ich muß dauernd an meine Kinder denken. Ich habe das Gefühl als wären sie hier in diesem Raum. Ich will jetzt nicht.

106.
THORSTEN liegt in seinem Bett im Gästezimmer. Er kann nicht schlafen. Er wälzt sich hin und her. Plötzlich klopft es ganz leise an die Tür. Die Tür öffnet sich. Es ist ISABELLE: Thorsten! Schläfst du schon? THORSTEN: Nein. Ich kann nicht einschlafen. Ich muß immer an dich denken. ISABELLE: Ich auch. Darf ich bei dir schlafen? THORSTEN: Klar. Er öffnet seine Bettdecke und ISABELLE schlüpft zu ihm. ISABELLE: Das ist toll. Jetzt kann ich schlafen. Umarm mich!

107.
Es ist früher Morgen. VENUS verabschiedet sich von FABRICIO: Leb wohl, Fabricio. Es war schön mit dir. FABRICIO: Sehen wir uns nie mehr wieder? VENUS: Wer weiß? Ich schreibe ab heute nonstop. Da lenkt mich alles, was von außen kommt ab. FABRICIO küßt VENUS. VENUS: Sag mal, wieso ist in deiner Wohnung alles schwarz? FABRICIO: Weil ich so ein finsterer Bursche bin.

108.
MAX und THORSTEN putzen das Haus.

109.
SALLY schneidet im Garten Blumen.

110.
SALLY stellt eine Vase mit den frischen Blumen auf den Tisch. SALLY: Wird Mama jetzt bei uns bleiben? MAX: Wer wei? THORSTEN: Wir müssen alle auf sie aufpassen. SALLY überlegt: Vielleicht müssen wir sie alle noch mehr liebhaben.

111.
VENUS sitzt am Computer und schreibt mit rasender Geschwindigkeit ohne eine Sekunde innezuhalten. Dann schreibt sie das Wort “Ende” unter den Text, sichert das Dokument und spricht direkt in die Webcam: Das war’s, liebe Zuschauer. Auf Wiedersehen. Good bye. VENUS schaltet den Computer aus und beginnt ihre Sachen zusammenzupacken.

112.
VENUS fährt mit ihrem Auto auf einer kleinen Landstraße nach Hause. IM VENUS: Ich bin erschöpft. Das werde ich nie wieder machen: Ein Buch in einem Glashaus vor einer laufenden Webcam schreiben. Ich scheiße auf die neue Welt. Ich freue mich auf meine Kinder und auf Max. Auf das Krähen der Hähne und das Quaken der Frösche am Morgen. Auf das Gezwitscher der Vögel und auf das Muhen der Kühe. Es kommt mir so vor, als wäre ich ein halbes Jahr weggewesen. VENUS schaut auf die vorbeiziehende Landschaft. IM VENUS: Vielleicht ist das mein letzter Roman gewesen? VENUS zählt an den Fingern ab, wieviele Romane sie geschrieben hat. IM VENUS: Der dreizehnte. Ob das mir Glück bringt?

113.
Ein Fest. In der Mitte des Hofes steht ein festlich gedeckter Tisch. HANS NEUMANN öffnet feierlich einen großen Karton und holt ein Buch heraus. Darauf steht: (INSERT)“Venus Talking. Ein Tagebuch-Roman von Venus Siebenberg.” Er zeigt allen das Buch. NEUMANN: Ihr sollt alle die ersten sein, die das neue Buch meiner Lieblingsautorin lesen dürfen. Noch vor der Buchmesse. Die ersten Exemplare sind gestern abend aus der Druckerei gekommen. Mein Freund Zickzack konnte es nicht abwarten und hat es heute nacht gelesen. Er sagt, daß er daraus einen tollen Film machen kann. Er hat auch schon einen neuen jungen Regisseur. Er hat ihn sogar gleich mitgebracht. Fabricio Baumann. FABRICIO steht etwas verlegen auf. FABRICIO: Vielen Dank Herr Neumann. Vor allem aber möchte ich mich bei Venus für dieses wunderbare Buch und bei Herrn Zickzack bedanken. Wir wissen noch nicht, ob es gelingen wird. Es soll mein erster großer Spielfilm werden. Ich hoffe, daß ich ihr Vertrauen nicht enttäusche. NEUMANN: Darauf müssen wir alle anstoßen.

114.
Es ist dunkel geworden. Im Hof brennt ein Feuer. MAX legt eine CD ein und geht zu VENUS. Aus den Lautsprechern kommt ein alter Blues. MAX: Möchtest du mit mir tanzen? Zur Feier des Tages. VENUS lächelt MAX an. Sie umarmen sich und tanzen. THORSTEN tanzt sehr intim mit ISABELLE. MANUEL geht zu SALLY: Ich möchte auch mit dir tanzen. SALLY: Ich aber nicht. Ich mag keine langsamen Sachen.

115.
VENUS kommt aus der Toilette. SALLY hat auf sie gewartet. SALLY: Mama, ich bin keine Jungfrau mehr. Ich bin die Erste in meiner Klasse. VENUS ist schockiert, fängt sich aber schnell. VENUS: Meinst du nicht, daß das ein bißchen zu früh ist? SALLY: Keine Spur. Es war alles völlig OK. VENUS: Mit wem hast du geschlafen? SALLY: Das weißt du doch. VENUS: Manuel. SALLY: Es war gar nicht leicht, ihn dazu rumzukriegen. Das kannst du mir glauben. Ich mußte alle Verführungstricks, die ich auf Lager hatte, anwenden. VENUS sieht SALLY an, als sei sie nicht ihre Tochter. Dann umarmt sie SALLY. VENUS: Oh, mein Baby! SALLY: Mama, ich hab dich ganz toll lieb!!!

116.
VENUS und MAX gehen auf einem Feldweg spazieren. Aus der Ferne hören sie den Lärm der Gäste und Musik. MAX: Ich bin froh, daß du wieder da bist. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß alles so einfach werden könnte. Ich hatte sehr viel Angst. VENUS: Du bist der stärkste Mann, den ich kenne. Ich habe etwas lernen müssen und dann gefühlt, daß ich nur dich wirklich liebe. Ich wollte wieder so frei sein, so frei und nur ich selbst, wie damals als ich zweiundzwanzig war und dich kennengelernt habe. Ein bißchen so wie du. MAX: Für das, was du getan hast, bringen andere Männer ihre Frauen um. VENUS: Ich hab’s dir doch gesagt. Du bist stärker. MAX: Ich weiß nicht. MAX bleibt stehen und schaut VENUS lange in die Augen. VENUS: Küß mich!. MAX küßt VENUS.

ABBLENDE.


— THE END —



Drehbeginn voraussichtlich ab 14. August 2000.


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